Randbeobachtungen: SPD-Wahlkampfauftakt in Hannover

August 31, 2009 at 9:09 pm Leave a comment

Manchmal muss man sich die Politik ganz klassisch geben. In Athen war das vor 2000-und-ein-paar-zwerquetschten-Jahren auf der Agora, dem attischen Marktplatz. Heute war das hier in Hannover, auf dem Opernplatz.

Politik fernab der Fernseher und der Elefantenrunden. Unmoderiert und frontal. Mit dieser Neugier ging ich also an die Oper, um Müntefering und Steinmeier reden zu hören. 5.000 bis 8.000 andere Leute dachten so ähnlich. Web 0.0 ist im Trend!

Wo sich sonst Emos, Punks und manchmal Openbesucher tummeln, war also eine große Bühne aufgebaut. Auf dem Opernbalkon waren drei Scharfschützen und Polizisten mit Fernrohren. Neben Münte, war auch noch der zweite von den Stones anwesend: Stein-brück. Außerdem Gerhard Schröder mit Frau. Und ein paar vom “Kompetenzteam” — ich meine Manuela…die immer als jung und unverbraucht bezeichnet wird. Tatsächlich, diese Kernkompetenz hat sie!

Wichtige Menschen, die ich auf einem der drei Projektionswände reden hören darf. Und grund genug, dass maskierte Scharfschützen ihre Gewehre auf die Menge richteten.

Der Politikerkopf wurde auf der Enternung also recht klein, da der Orchestergraben ein näheres Herantreten an die Bühne verbat. Im Orchestergraben saßen also Schröder und andere Special Guests, und natürlich auch die sicherlich überzeugten Schilderwinker der Jusos.

Ich war naiv anzunehmen, dass dort eine Bühne steht, und das schnöde Volk sich dort sammelt. Nein: Presseeingänge und Ehrengäste. Abstand zum Volk blieb also gewahrt. Zusätzlich standen an der Seite des Orchestergrabens also Übertragungswagen, die den Blick auf die Bühne beschränkten. Irgendwo fand ich meinen Platz dann in der Nähe eines solchen Eingangs, wo gerade ein Juso mit Flagge hinter einem Internetaktivisten stand.

Wie also zu 75% meiner Zeit begnügte ich mich mit dem Blick auf einen Bildschirm. Spannender war, was so drumherum geschah: Zwei Jusos im besten gebügelten Hemd versuchten den anscheinenden Piratenpartei-Anhänger zu verdrängen, da er wohl die Sicht auf eine Projektionswand versperrte. “Scheiss Spinner von der Piratenpartei!” fiel dann als sozialdemokratischer Kommentar.

Im Orchestergraben allerdings störte die SPD-Jubelschilder-Winkerei (u.a.”Mindestlohn für Ackermann!”) im gleichen Maße meinen unmöglichen Blick auf den Redner, wie der Web 2.0-Aktivist mit seinem Web 0.0-Schild.

Und die Inhalte? Interessant fand ich, wie Müntefering meinte, der boulevardeske Angriff auf die Privatuni-Studentin die heuchelnderweise gegen Studiengebühren sei, “bringe die ganze FDP-Denke auf den Tisch.” Leider finde ich den Artikel auf bildonline nicht mehr, den Münte als Quelle nannte. Doch finde ich  generell, dass man auch in der SPD “Champagnersozialist” sein darf. Oder sich aus einer Luxusposition für eine Politik einzusetzen, die nicht nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet ist.

Steinmeier sprach hinterher noch in einem Satz von einer “Generation Ellenbogen und Generation Bonus.” Gibt es da schon Bücher zu, nach “Generation Golf” und “Generation Doof”? Haben wir es da nicht mit einer Klasse zu tun, die sich zuviel bedient.

Bekannte Positionen also, die die SPD zuverlässig vertrat. Gerechtigkeitsthemen, die breiten Zuspruch finden (die Zustimmung für einen Mindestlohn lag bei ca. 70%). Allerdings sind dort zwei Stolpersteine, die nicht in Richtung SPD deuten: Warum ist Graf Guttenberg so beliebt? Warum SPD und nicht gleich die Linke wählen — die diese Positionen nach Hartz-IV glaubwürdiger vertreten?

Die FAZ titelt heute, “Rot-Rot und  Schwarz-Gelb gleichauf.” Links hat also wieder aufgeholt, wenn man die Landes- und Bundesebene unzulässigerweise verquickt. Dennoch betont Münte, auf Bundesebene seien “die Schotten dicht. Keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei.” Er merkt dann aber auch: “Da hat jetzt nur die Hälfte der Leute geklatscht. Dennoch…”

Die Bühne hatte das große Schild mit:”Unser Land kann mehr.” Und das ist vielleicht eine gute SPD-Botschaft, die Merkels passiver Haltung entgegentritt. Ich interpretiere das so, dass die SPD versucht, Wähler bei ihrer bequemen “Naja, die Merkel ist diplomatisch und hatte keine großen Fehler”-Haltung abzuholen.

Zum Schluss gab Steinmeier noch Autogramme beim meterhohen SPD-Würfel, der auch durch die Lande tourt. Die Würfel sind also noch nicht gefallen. OK, das war ein billiger Spruch.

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