Es gibt keine Moderne Kunst!

December 11, 2009 at 1:09 am Leave a comment

Ich komme verspätet zu der Erkenntnis, dass es wahrscheinlich keine moderne Kunst gibt. Schon länger wollte ich drüber bloggen, mit meinem fragmentarischen hier-und-da Kunstwissen. Aber nein, selbst dieses Wissen gab es nicht. Ich bin schwer enttäuscht, wer auch immer mir eingeredet hat, dass es cool sei, diese intellektuellen Proleten wie Damien Hirst oder Tracey Emin toll zu finden.

In München hing ein Faden von der Decke. Letztes Jahr, in der Modernen Pinakothek. Es war sogenannte Installationskunst, ich dachte, aha, das ist jetzt modern, das ist ja witzig. Ein Rucksacktourist hielt seinen Finger nah an den Faden, welcher von der elektrostatischen Ladung dann verdächtig nah an an seinen Finger gelangte. Ein Wächter sah dies, sagte warnend nicht berühren!, Der Rucksacktourist entgegnete tue ich doch nicht!

Der Rucksacktourist hatte recht, denn es stand zwar wie überall KUNST NICHT BERÜHREN, aber es stand nirgendwo BITTE NICHT ELEKTROSTATISCH ANZIEHEN LASSEN oder NICHT GEGENPUSTEN (Was ich diesem Faden gerne angetan hätte, um diesen autoritären Wächter mal zu nerven, nachdem er harmlose Rucksacktouristen zusammengestaucht hat.

Tja, solche witzigen Sachen geschehen in dem politischen Mikrokosmos “modernes Kunstmuseum.” Ich glaube, dass moderne Künstler also keine modernen Künstler sind, sondern sie eigentlich Politiker/Historiker/Philosophen sind, ziemlich gute sogar.

Christoph Schlingensief hatte sich vor einigen Jahren mal von der Deutschen Bank eine Kunstaktion bezahlen lassen, die daraus bestand, einfach hunderttausend Euro vom Reichstag herunterzuwerfen. Durfte er aber dann doch nicht. Deutsche Bank sagt Nein! Herrlich, die Diskussion darum, Sinn und Zweck etc. — leider kein Platz an dieser Stelle. Oder Kraftwerk (wenn man die denn als moderne Kunst bezeichnen kann), die 400.000 Euro für ein minimales Jingle für die Expo 2000 erhalten haben, und damit eine prima Grundlage für eine Kritik an das 3Super-Hits-am-Stück!!-Radioniveau geboten haben (weil sie die Hypermoderne Komposition nicht spielen wollten, passte nicht in den Einheitsbrei).

Was im Volksmund als Moderne Kunst bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit unser aller schlechtes Gewissen, die für die Debatten sorgen, die meist leider von der Bild-Zeitung ausgehen, und die uns dann stark gefiltert erzählt, was im Parlament abgeht…

Kein Wunder, dass Künstler manchmal einfach das Gefühl haben, 100.000 Euro vom Reichstag herabzuwerfen (Schlingensief), oder ihn einzuhüllen (Christo, Jean-Claude 1995). Die Botschaft überzeugt in ihrer Klarheit. Vielleicht ist moderne Kunst ja die nötige Spur Diktatur in der Demokratie, denn ein einzelner Künstler diktiert, welche gesellschaftlich notwendigen Debatten er anzettelt.

Als ich letztens aufgedreht von Kaffee vor dem Computer saß hatte ein noch unentdeckter Künstler ein paar Werke auf Facebook gepostet, die ich spontan kommentierte. Ich war von meinem Resultat selber überrascht, und vielleicht ist das ja ein Zeichen von guter moderner Kunst, die ein Nichts ist,  ein Mangel, eine Negativität, eine Projektionsfläche für allerlei Gedanken/Theorien ist.

Hope — Yellow and Orange No. 1

Dezember 2009, Facebook, unbekannter Künstler

Was [unbekannter Künstler] hier beschreibt ist nichts weniger als Lacan’s “Il n’ya pas de rapport sexuel” (Es gibt keine sexuelle Beziehung). Das Bild, das ohne die provokanten Farben von einer Kitschkunst-interessierten Hausfrau gemalt sein könnte, funktioniert nur mit der fantasmatischen Idee der “Liebe” — hier symbolisiert in seiner einfachsten Form: dem Herz. Die, zumindest nach populärem Geschmack, unästhetische Farbgebung unterminiert die romantische Idee der Liebe, die, ebenso wie Lacan besagt, das Sexualität ohne die Fantasie nicht existiert, bzw. in seiner rohen Form eklig wird (s. Snuff-Porn, den Slavoj Zizek mit besonders schlimmen, reelen Momenten vergleicht, wie 9/11). Das naive, fast wie von einem Kind skizzierte Herz führt dem Betrachter dennoch penetrant die romantische Liebesidee vor, so dass es fast eklig wird, in angesicht der Farbgebung, die digitale Machart, die inadequate Facebookvermarktung und, wie bei anderen Werken in dieser Serie, den globalen Kitschkommentar “Hope”, der anscheinend ironisch gemeint ist.
Hope — Yellow and Orange No. 2
Dezember 2009, Facebook, unbekannter Künstler
Das Guantanamo-Orange und das Dollarzeichen stehen im Kontrast zum Hope-Titel. Ausserdem ist Gelb eine Farbe des Gifts, also deine sporadische/unsaubere Applikation kann auf dem vergifteten/kapitalistischem Individuum auf dem Orangenen Grund (d.h. eine Gesellschaft im Zeichen des Homo Sacer/entrechteten und ausgeschlossenen Subjekts hindeuten (s. Giorgio Agamben/Judith Butler’s neuere Werke)…also ein Kommentar zur heutigen Gesellschaft, die “Hope” als augenwäscherische Propagandaformel benutzt, um den letzten Dreck zu betitulieren.
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