Im Trend: Bücherschränke

“Der Trend geht Richtung Zweitbuch”, entgegnete mir eine Antiquarin, als ich zu geizig war, anstatt die Bücher im Zweierpaket nur einzeln zu kaufen. Zu dem Kafka nahm ich dann widerwillig noch Adorno, und schon sah ich mein Lesepensum im Niedergang, denn dann liegt hier in meiner Bude nur wieder ein neuer ungelesener Haufen, und man weiß nicht, womit man überhaupt anfangen soll.

Zuviele Bücher verstopfen also den Kopf, und jetzt steht hier einer dieser Outdoorbücherschränke am Fiedelerplatz, wo jeder nehmen und geben kann, wie er will. Heute zeigte ich den ersten ausländischen Besuchern diesen Schrank — sie waren sehr begeistert und machten Fotos mit ihm.

Die Leidensgeschichte fang aber schon im Juli 2009 an: In Bonn-Poppelsdorf. Jawohl, ich habe diesen Bücherschrank am Bild von Wikipedia wiedererkannt, und ich erinnerte mich sogleich daran, dass ich dort das vielbeachtete Internetarbeitsweltbuch “Wir nennen es Arbeit” (Lobo/Friebe) aus dem Schrank gezogen habe.

Und seitdem stehe ich in der Schuld mit dem Bücherschrank Bonn-Poppelsdorf, denn natürlich hatte ich kein Buch dabei, um Ausgleich zu schaffen. Irgendwann, wohl als Pensionär, werde ich zu diesem Schrank zurückkehren um meine Schuld zu begleichen.

Ich kann mich noch dran erinnern, dass dort sogar die Hardcover-Version von “Das Parfüm” in der Bonner Sonne schmorrte. Auch heute wieder, bei meinem fast hauseigenen Bücherschrank am Fiedelerplatz: Die Qualität der Bücher ist gut, und die Anzahl der Leute, die alte PC-Handbücher reinstellen doch sehr gering.

Passend zur WM fand ich in diesem hannoveraner Bücherschrank auch Bücher zu Afrika — Die Nelson Mandela Autobiografie sowie Irgendwo/Nirgendwo in Afrika von Caroline Zweig. Themenaktualität ist also gegeben! Übrigens auch viel Englisches — Kurishei, Joyce, Poe etc.

Auch kann man gepflegt Selbstmarketing mit so einem Bücherschrank betreiben. Wie, ihr habt noch keinen Roman geschrieben? Nunja, Michel Turzynski schon, denn er hat zwei seiner Reiseberichte (“100 Länder nebenbei” und “Auf dem E1 von Göteborg über Flensburg nach Genua”) da signiert reingestellt, und nun wird er auf diesem hochklassigem Blog erwähnt. Seine Bücher gibt’s auf BooksOnDemand.de. Oder diese Tage am Fiedelerplatz, wenn ich die Turzynskis wieder zurückstelle.

Laut Wikipedia gibt es in Hannover rekordverdächtig viele Bücherschränke, 13 an der Zahl, plus den an der Fiedelerstraße, denn ihn hat noch kein Wikipedianer erfasst.

Und mit bookcrossing.de gibt es das Ganze, wenn auch etwas anders, in ver-socialnetworkter Form, mit Merchandising, Community und allem drum rum.

Spätestens dann, wenn es wieder soweit kommt, sich mit Communities rumzuplagen, und die Bücher mit IDs zum tracken zu versehen, sollte man lieber ein Buch zur Hand nehmen und lesen, Internet aus.

July 4, 2010 at 10:20 pm 2 comments

Phi-loo-sophie — eine Möglichkeit unsere Welt zu verbessern?

Es traf mich ins Mark, als ich mich heute auf den Toiletten des Conti-, pardon Gucci-Campus befand und die Tür von einer der drei Klobkabinen hinter mir verschloss. Es war ähnlich aufrüttelnd wie das Erscheinen des “Zonk” der in der Spielshow “Geh aufs Ganze!” hinter einem vom drei Toren versteckt war — doch in dem heutigen Fall war die Botschaft eine positive, denn was sich hinter dieser Klotür befand war Weltpolitik! Genau die richtige Tür erwischt! Zonk!

Neben all dem Gekritzel, schlimmer als infantil, Hakenkreuze, Hetze gegen Zionismus, fanden sich Sätze wie “Rechte sind Schei**e” (harmloses Beispiel) die einfach revidiert wurde indem einfach “Rechts” durchgestrichen wurde, und “Links” drübergeschrieben. Und umgekehrt. So weit, so (leider nicht) gut. Mittig zentriert über dem Spülkasten befand sich aber folgende Feststellung:

Die Diskussion auf den Klowänden finde ich politisch sehr fruchtbar! Vielleicht sollten wir das Klo nach Jerusalem bringen, dann könnte man evtl. den Nahostkonflikt lösen!

Ein anderer Klogänger fügte hinzu:

“Ja, dann heißt es nicht mehr “Unser Star für Oslo,” sondern “Unser Klo für Jerusalem”

Dritte Hinzufügung:

“Sorry, ich hab’ nur 30 Minuten Pause, da ist mir der Weg nach Jerusalem zum Schei**en zu weit!!!”

Natürlich ist es ein Unding meinerseits, Philosophie mit diesem Klo-Kabarett zu verunglimpfen. Aber ich glaube gerade weil das Klo tabuisiert wird, muss seine kulturelle Bedeutung stärker untersucht werden. Zizek (jaja, der Starphilosoph…) ist sehr bekannt mit seinem Beispiel, dass die (alten) Toilettensystem in Frankreich, England und Deutschland die europäische Trinität beschreiben. Ich paraphrasiere Zizek: Frankreich, ein revolutionäres System, der Mist fällt sofort ins Wasser und wird radikal weggespült. In England bleibt der Mist eine Zeit lang im Wasser liegen, und versickert nach gewisser Zeit. In Deutschland hingegen fällt der Mist auf ein kleines Podest im Klo und kann untersucht werden, folglich ist dies ein metaphysisches System, und beschreibt die Eigenart der deutschen, alles zu untersuchen und zu reflektieren (vgl. deutscher Idealismus etc.).

Das Klo ist eine Universalmetapher. Sind denn die youtube-Kommentarseiten viel anders als Klowände? Und ebenso Blogs? (Werber Jean-Remy von Matt handelte sich von vier Jahren von übereifrigen Bloggern Protest ein, als er Blogs “als Klowände des Internets” bezeichnete.) Die permanente Schelte gegen die Weicheit von Angela Merkel, sowie die Trauer über den Abgang von einem “harten, aber notwendigen” Roland Koch (vgl.  ZEIT von letzter Woche) lässt sich als Wunsch verstehen, endlich mal wieder polarisiend, ja gar klowandhaft, politically-incorrect diskutieren zu können. Ja, was waren das denn noch für schöne Zeiten, wo Politiker wie Roland Koch zu Wahlkampfzeiten so einen auf dem Klo ausgedachten Mist herausgehauen haben?

Deshalb glaube ich auch, dass es es mit dem “unser Klo für Jerusalem” nicht funktionen würde, da hier die Lage umgekehrt ist: Nicht weniger Diplomatie wird in Israel/Palästina benötigt, sondern mehr. Und einen Diplomatieklowächter möchte man keinem Klogänger zumuten, der sich auf das Jerusalem-Klo wagen würde…

Und ein sehr ernstes, wichtiges Ziel (keine Ironie!) verfolgt der Welttoilettentag am 19. November — und zwar möchter dieser Tag die Aufmerksamkeit auf die schlechte Sänitärversorgung von ca. 40% der Weltbevölkerung lenken.

Auf jeden Fall gibt es noch eine Menge Klotential unsere Welt zu verbessern!

June 5, 2010 at 5:32 pm Leave a comment

Simulacrum und Twitter

Nachdem ich heute gnadenlos daran gescheitert bin, das Simulacrum (Baudrillard) zu erklären, möchte ich es jetzt nochmal hier versuchen — und zwar in Verbindung mit Twitter:

Baudrillard’s These: Das Simulacrum verschleiert, dass es gar keine Wahrheit hinter einem Bild oder einer alltäglichen Situation gibt. Zum Beispiel: Wir denken wir sehen Kriegsbilder oder die Freiheitsstatue, doch wir sehen nur ein Simulacrum. Warum? Unsere Wahrnehmung ist im Medienzeitalter derart verzehrt und vorstrukuriert, dass diverse Bilder, also in meinem Beispiel ein bloßes Bild vom Krieg oder von der Freiheitsstatue deutlich reeler (hyperreal) sein kann, als die scheinbare Realität in der wahrhaftigen Begnegung.

Was passiert mit Twitter? Ich merke, wenn ich das Ding häufig benutze, dass meine Gedanken Tweets ausspucken — permanent, auch wenn Twitter aus ist. Twitter formt also meine Gedanken so, dass sie griffige 140-Zeichen-Einheiten ausstoßen. Alles was man sieht oder hört muss ge-tweetet werden. Ein Drang, ein Zwang, hohes Suchtpotenzial (was den großen Erfolg von Twitter erklären mag)

Doch sieht und hört man wirklich noch, wenn man so derart Twitter-holisiert durch die Welt läuft? Bilden diese Tweets wirklich eine Realität ab, was ja die ursprüngliche Intention von Twitter nach der Web 2.0-Formel connecting people, sharing personal things, networking 24/7 etc. ist? Nein man shared nicht seine Realität beim Twittern, sondern man kreiert eine Scheinrealität, kann also garnicht mehr ablichten, was man gemeinhin als die wahre Realität bezeichnen würde.

Twitter, wie das Simulacrum verschleiert, dass es keine Wahrheit gibt: Twitter stülpt eine Schein-Realität und -Relevanz über das große Loch der Nichtigkeiten des Alltags.

(Sorry an die Kenner des Simulacrum-Textes: Ich kürze und verallgemeinere sehr stark, aber das muss auf diesem Blog sein. Soll ja auch nur ‘ne Anregung sein, den Text nochmal genauer zu lesen — auf Googlebooks findet man ihn auf Englisch.)

April 21, 2010 at 1:27 am Leave a comment

The Crazy Philosopher

What’s philosophy all about?

To make yourself feel better? To find a justification for everything? To make an impression in a party-chat?

If you positively answer these questions, then you are not talking about radical philosophy – or I would say, not philosophy at all, because I think philosophy needs to be radical. And if it is not, then you’re probably talking about the daily philosophy-substitutes to affirm the ideas you already had and just label your thoughts with a seemingly intellectual name.

Therefore I think craziness is the main criterion to recognize philosophy: evoking discomfort, maybe laugther, maybe non-understanding or a strong rejection. Philosophy, as “Philosophy in the Present” points out,  should not directly give political answers but rather construct problems and invent or reorder categories (for example misleading contrasts of everyday propaganda such as “war on terror” or “islamic fundamentalism vs. liberal democracy/capitalism”). People so often take categories for granted and consequently affirm the cause of a problem rather than solving it, like a doctor giving the patient poison and then looking for the symptoms (Bush’s terror propaganda was terror itself, to give a well-known example).

I think a good example to illustrate the “Crazy Philosopher” is  Slavoj Zizek, a controversial figure in academic as well as public circles. He is so crazy (in my above stated, positive sense), that filmmakers shot many films about him, thus millions of snippets or whole documentaries are found on Youtube. The best Zizek-feature I came across was a Dutch documentary. Quite a political one (Financial crisis/”living obscenity” Berlusconi/China human rights…), but Zizek does not give direct political advice, but advice about the popular advice — and by this, revealing propaganda. The concept  concept of the documentary is innovative: Zizek is only sorrounded by screens and a cameraman. A disembodied, digitalized voice tells him the questions.

This center on the philosopher, the only “living voice” in this film, is a vulnerable point: Isn’t this too superstar-like?


I call the concept of the Dutch show (if not the whole self-marketing of Zizek) a subversion and undercutting of a superstar-crazy world, where pseudo-stars need to comment  and engage in everything (take recent charity shows as example). I guess it is quite dangerous (“You are a cynic!”, ” You don’t have solutions!”) too comment on the daily mainstream going on in our social network world, that sees charity, joining Facebook-groups and opening up Twitter-Accounts as a solution, instead of serious involvment and thinking about real, radical solutions. Probably people feel strongly the pressure from  (I admit, I feel so) daily discourse and crowd-intelligence (unfortunately, only a superficial intelligence). Zizek calls himself a “Communist” to attract attention, but he means a different communism and admits that the real-existing communism failed (recently in BBC – Hard Talk). Who else has the media attention and thus power to say that he is a “Communist” and actually thousands of people listen to his arguments?

It needs figures like Zizek to break out of the circle. Using popular culture against itself and thus making money from it. Profiting from capitalism to promote a different kind of communism, so to speak.  Here we are again in the trap of postmodern self-reflexivity. I just say: Stop.

February 3, 2010 at 3:53 pm 2 comments

Es gibt keine Moderne Kunst!

Ich komme verspätet zu der Erkenntnis, dass es wahrscheinlich keine moderne Kunst gibt. Schon länger wollte ich drüber bloggen, mit meinem fragmentarischen hier-und-da Kunstwissen. Aber nein, selbst dieses Wissen gab es nicht. Ich bin schwer enttäuscht, wer auch immer mir eingeredet hat, dass es cool sei, diese intellektuellen Proleten wie Damien Hirst oder Tracey Emin toll zu finden.

In München hing ein Faden von der Decke. Letztes Jahr, in der Modernen Pinakothek. Es war sogenannte Installationskunst, ich dachte, aha, das ist jetzt modern, das ist ja witzig. Ein Rucksacktourist hielt seinen Finger nah an den Faden, welcher von der elektrostatischen Ladung dann verdächtig nah an an seinen Finger gelangte. Ein Wächter sah dies, sagte warnend nicht berühren!, Der Rucksacktourist entgegnete tue ich doch nicht!

Der Rucksacktourist hatte recht, denn es stand zwar wie überall KUNST NICHT BERÜHREN, aber es stand nirgendwo BITTE NICHT ELEKTROSTATISCH ANZIEHEN LASSEN oder NICHT GEGENPUSTEN (Was ich diesem Faden gerne angetan hätte, um diesen autoritären Wächter mal zu nerven, nachdem er harmlose Rucksacktouristen zusammengestaucht hat.

Tja, solche witzigen Sachen geschehen in dem politischen Mikrokosmos “modernes Kunstmuseum.” Ich glaube, dass moderne Künstler also keine modernen Künstler sind, sondern sie eigentlich Politiker/Historiker/Philosophen sind, ziemlich gute sogar.

Christoph Schlingensief hatte sich vor einigen Jahren mal von der Deutschen Bank eine Kunstaktion bezahlen lassen, die daraus bestand, einfach hunderttausend Euro vom Reichstag herunterzuwerfen. Durfte er aber dann doch nicht. Deutsche Bank sagt Nein! Herrlich, die Diskussion darum, Sinn und Zweck etc. — leider kein Platz an dieser Stelle. Oder Kraftwerk (wenn man die denn als moderne Kunst bezeichnen kann), die 400.000 Euro für ein minimales Jingle für die Expo 2000 erhalten haben, und damit eine prima Grundlage für eine Kritik an das 3Super-Hits-am-Stück!!-Radioniveau geboten haben (weil sie die Hypermoderne Komposition nicht spielen wollten, passte nicht in den Einheitsbrei).

Was im Volksmund als Moderne Kunst bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit unser aller schlechtes Gewissen, die für die Debatten sorgen, die meist leider von der Bild-Zeitung ausgehen, und die uns dann stark gefiltert erzählt, was im Parlament abgeht…

Kein Wunder, dass Künstler manchmal einfach das Gefühl haben, 100.000 Euro vom Reichstag herabzuwerfen (Schlingensief), oder ihn einzuhüllen (Christo, Jean-Claude 1995). Die Botschaft überzeugt in ihrer Klarheit. Vielleicht ist moderne Kunst ja die nötige Spur Diktatur in der Demokratie, denn ein einzelner Künstler diktiert, welche gesellschaftlich notwendigen Debatten er anzettelt.

Als ich letztens aufgedreht von Kaffee vor dem Computer saß hatte ein noch unentdeckter Künstler ein paar Werke auf Facebook gepostet, die ich spontan kommentierte. Ich war von meinem Resultat selber überrascht, und vielleicht ist das ja ein Zeichen von guter moderner Kunst, die ein Nichts ist,  ein Mangel, eine Negativität, eine Projektionsfläche für allerlei Gedanken/Theorien ist.

Hope — Yellow and Orange No. 1

Dezember 2009, Facebook, unbekannter Künstler

Was [unbekannter Künstler] hier beschreibt ist nichts weniger als Lacan’s “Il n’ya pas de rapport sexuel” (Es gibt keine sexuelle Beziehung). Das Bild, das ohne die provokanten Farben von einer Kitschkunst-interessierten Hausfrau gemalt sein könnte, funktioniert nur mit der fantasmatischen Idee der “Liebe” — hier symbolisiert in seiner einfachsten Form: dem Herz. Die, zumindest nach populärem Geschmack, unästhetische Farbgebung unterminiert die romantische Idee der Liebe, die, ebenso wie Lacan besagt, das Sexualität ohne die Fantasie nicht existiert, bzw. in seiner rohen Form eklig wird (s. Snuff-Porn, den Slavoj Zizek mit besonders schlimmen, reelen Momenten vergleicht, wie 9/11). Das naive, fast wie von einem Kind skizzierte Herz führt dem Betrachter dennoch penetrant die romantische Liebesidee vor, so dass es fast eklig wird, in angesicht der Farbgebung, die digitale Machart, die inadequate Facebookvermarktung und, wie bei anderen Werken in dieser Serie, den globalen Kitschkommentar “Hope”, der anscheinend ironisch gemeint ist.
Hope — Yellow and Orange No. 2
Dezember 2009, Facebook, unbekannter Künstler
Das Guantanamo-Orange und das Dollarzeichen stehen im Kontrast zum Hope-Titel. Ausserdem ist Gelb eine Farbe des Gifts, also deine sporadische/unsaubere Applikation kann auf dem vergifteten/kapitalistischem Individuum auf dem Orangenen Grund (d.h. eine Gesellschaft im Zeichen des Homo Sacer/entrechteten und ausgeschlossenen Subjekts hindeuten (s. Giorgio Agamben/Judith Butler’s neuere Werke)…also ein Kommentar zur heutigen Gesellschaft, die “Hope” als augenwäscherische Propagandaformel benutzt, um den letzten Dreck zu betitulieren.

December 11, 2009 at 1:09 am Leave a comment

Lesen mit Kindle?

Seitdem ich das Luxuproblem habe, meine Bücher an einigen Orten zu haben, und gerne auf sie Zugriff hätte, wenn ich mich unglücklicherweise an Buch-Nichtstandort befinde, frage ich mich, ob ein E-Reader sinnvoll wäre.

Die Antwort ist nein. Und das ist nicht nur so, weil ich ein Buchregal und sein organisches Wachsen, gelegentliches durchwälzen und durchschauen gut finde, sondern auch weil Notizen an Buchrändern bei E-Readern nicht möglich sind? Ich bin mir da unsicher, denn eine Tastatur hat der Kindle E-Reader ja — aber kann man dort auf einzelne Seiten Kommentare hinterlassen? Oder Passagen digital unterstreichen? Und diese einzelne Seite mit den Notizen schnell ausdrucken?

Das wäre ein großer Vorteil, denn die eigene Bibliothek sollte eine persönliche Note enthalten, und nicht jungfräulich aussehen. Einige Bücher aus dem Antiquariat haben neben den fast lebendigen (Schmutz-) Flecken auch sinnvolle oder weniger sinnvolle Randbemerkungen.

Bücher aus den Tiefen des Antiquariats, die 50 oder mehr Jahre alt sind, vor Unterstreichungen und Fragezeichen sowie unleserlichen Wörtern am Rand strotzen — und wenn dann noch die Geschichte bewegt, dann glaube ich, selber ein Stück Geschichte in der Hand zu haben. Das Buch an sich als Teil der Geschichte…

Pardon, ich glaube bin da von den evtl. digitalen Randbemerkungs- oder Unterstreichungsmöglichkeiten abgeschweift. Selbst wenn das möglich ist, ist es schwer, digital 500 Seiten durchzublättern um einen Kommentare schnell mit der passenden Textstelle ausfindig zu machen. Und darum geht es doch häufig: Schnell den passenden Gedanken oder das interessante Zitat parat zu haben.

Ich würde gerne einige Blogs und Mails intensiver lesen, was mir auf dem Computerbildschirm schwerfällt. Dafür allein ist der Kindle aber noch zu teuer. Für den täglichen digitalen Einwegmüll (wie diesen Blogeintrag z.B.) ist ein E-Reader also nützlich.

Es gibt also immer noch keine Alternative für das Buchregal oder den Bücherhaufen, wahlweise. Und das ist auch gut so, denn vielleicht ist das Buchregal die letzte Bastion gegen den “flexiblen Kapitalismus” (s. mein Buchregal), mit flexiblen Büchern. Der Mensch möchte halt manchmal an den Ort seines Ursprung…ähhh Buchsprungs zurückkehren.

Nachtrag 6. Dezember

Google Scholar ist schon eine kleine Lösung des Problems. Für wissenschaftlich Arbeiten kann man da etliche Bücher durchsuchen. Die Norton Anthology bietet einen Webzugang an, wenn man das Werk kauft. Das sollte Standard werden, um gerade dicke Werke schnell auf Schlagwörter zu durchsuchen, um dann den Text aber in Druckform intensiv lesen zu können.

Das Problem an Google Scholar (wenn man das Werk nicht in Druckform hat) ist, dass man seinen Essay aus kleinen Fragmenten zusammenbasteln kann. Aber da sollte jeder Dozent zwischenhauen und fragmentarisches Denken anmäkeln.

Digital und Druck, keine Gegensätze sondern Symbiose!

November 5, 2009 at 11:58 pm 2 comments

Why I Blog: Egoism, Exhibitionism, Demons

Some years ago, I read some George Orwell texts: 1984, shorts stories (Shooting an Elephant — hillarious!), essays (Socialism and the English Genius). When I had some discussions about blogging recently, why one should do it or why not, one Orwell text came into my mind: “Why I write”. Because I am too lazy to think myself, I will build my argument on “Why I Blog” on this Orwell essay.

Being absolutely honest, this is the main point, and also true for me:

(i) Sheer egoism. Desire to seem clever, to be talked about, to be remembered after death, to get your own back on the grown-ups who snubbed you in childhood, etc., etc. It is humbug to pretend this is not a motive, and a strong one.

I don’t receive that much comments on my blog, but I am always very happy to get some. Some people write mails or comment on Facebook. Especially from people I don’t know at all, or people I did not see for a long time. This always satisfies my egoism, speaking with Orwell. Today, maybe “sheer egoism” sounds too strong and one would call it rather “Self-Marketing”, “Network-Reputation” or “Online Reputation.” Anyway Orwell is still right with the point of “sheer egoism.” Blogging is not socialism.

Some political entries I wrote also quite agree with this argument of Orwell:

I write it because there is some lie that I want to expose, some fact to which I want to draw attention, and my initial concern is to get a hearing.

Blogs have power because of immediate, subjective response to events. If you ever face an event, and your Blog is visited by just 20-30 people weekly, there is the potential to “get a hearing.” I think this is a basic need for humans, speaking in biological terms, that other people listen to them, and this goes beyond sheer egoism. Blogs, in contrast to oral communication are more like a monologue, this makes it harder to get a hearing, but it still is possible to deliver a political/personal message. And, who knows, maybe someday you are the first one to comment on a historical event?

So, is blogging for people that are egoists and people that like to talk to themselves? Orwell ends his essay with the idea that the mystery of writing cannot be totally solved. Let’s end this Blog-Entry with a very long quote, because I am again too lazy to think:

For all one knows that demon is simply the same instinct that makes a baby squall for attention. And yet it is also true that one can write nothing readable unless one constantly struggles to efface one’s own personality. Good prose is like a windowpane. I cannot say with certainty which of my motives are the strongest, but I know which of them deserve to be followed. And looking back through my work, I see that it is invariably where I lacked a political purpose that I wrote lifeless books and was betrayed into purple passages, sentences without meaning, decorative adjectives and humbug generally.

Again, Orwell speaks from my heart: I want to find an idea of truth, although I know that there is none. A truth about me, about others, about what’s out there. And as Orwell, I regularly look back on my Blog-Entries, what I wrote on Social-Network profiles, just to see what I was thinking, and how I changed my mind or my interests. Or not.

September 15, 2009 at 10:21 am 1 comment

Pimmel oder Partei?

Der Wahlkampfauftakt der SPD am Montag in Hannover hat mir einige Besucher über Google-Suche beschert: “Scharfschützen SPD Hannover, Scharfschützen Opernplatz, Scharfschützen Opernhaus Hannover” und weitere Variationen. Das sagt meine WordPress-Statistik.

Was Sicherheit anbelangt muss man ja kein Puritaner sein, denn es war ja u.a. Außenminister, Finanzminister, Ex-Kanzler, die Gesundheitministerin, SPD-Chef u.a. da. Ja, da will ich garnicht schelten, und diese Sicherheitsmaßnahmen hat sich die SPD ja nicht alleine ausgesucht.

Was mich aber stört, war dieser Orchestergrabenähnliche-Bereich vor der Bühne, gefüllt mit Zott-Steinmeier-Logo-Winker, SPD hipphepphurra! usw., zu dem Spontanbesucher keinen Zugang hatten. Da fühlt sich das SPD-Mitglied ausgegrent und denkt über Gleichheitsgrundsätze nach, und erzwungener Wahlkampfinszenierung.

Öffentlicher Platz muss öffentlicher Platz sein und bleiben. Für sozialdemokratische Parteien sollte das mal 1000 potenziert gelten. Große Plätze kann die Stadt ja vermieten und der Mieter übt dann das Hausrecht aus. Wenn das Brüno am Brandenburger Tor mit Pimmelkostüm macht, dafür Berlin Geld gibt, ist mir das alles politisch völlig egal (Wie geschehen, um Werbung für den Cohen Film zu machen).

Aber welche politische Botschaft sendet eine sozialdemokratische Partei aus, wenn eine selbstgerechte SPD-Organisatorin einfach ein Satiremagazin vom Platz schmeißt? …wie vorgestern in Kiel geschehen:

(Danke für Video, RT@Nerotunes)

Die Jusos können gut damit umgehen, scherzen herum. Der Hausrechtsausübende-Kleingeist der dann kommt denkt wohl, aha Bruderkuss, Steinmeier mit Lafontaine, pfui-bah, Linkewohlnwanich. Also runter von dem Platz, Polizei zur Hilfe!

Diese Sache, plus meinen Erlebnissen am Montag, wo Jusos versucht haben, einen “Internetaktivisten” (nenne ich mal so, ausdrücklich war er kein Piraten-Partei-Mitglieder!) von der Stelle zu vertreiben, zwingen mich zu der Frage, inwiefern ich mich als Mitglied mit der SPD identifizieren kann.

Wenn schon auf kleiner Ebene so geheuchelt wird, wie kann es dann auf großer Ebene klappen?

Die provokante Überschrift heißt übrigens nur so, damit dieser Blog neben der Google-Suche “Scharfschütze SPD” auch unter “Pimmel Partei” gefunden wird. Da fällt mir der präpubertäre Kinderwitz ein “Bist du Mit-Glied?” Nicht nur das, ich bin SPD-Mitglied.

Danke für die Logo-Sammlung an http://butschinsky.wordpress.com

September 3, 2009 at 11:58 pm Leave a comment

Randbeobachtungen: SPD-Wahlkampfauftakt in Hannover

Manchmal muss man sich die Politik ganz klassisch geben. In Athen war das vor 2000-und-ein-paar-zwerquetschten-Jahren auf der Agora, dem attischen Marktplatz. Heute war das hier in Hannover, auf dem Opernplatz.

Politik fernab der Fernseher und der Elefantenrunden. Unmoderiert und frontal. Mit dieser Neugier ging ich also an die Oper, um Müntefering und Steinmeier reden zu hören. 5.000 bis 8.000 andere Leute dachten so ähnlich. Web 0.0 ist im Trend!

Wo sich sonst Emos, Punks und manchmal Openbesucher tummeln, war also eine große Bühne aufgebaut. Auf dem Opernbalkon waren drei Scharfschützen und Polizisten mit Fernrohren. Neben Münte, war auch noch der zweite von den Stones anwesend: Stein-brück. Außerdem Gerhard Schröder mit Frau. Und ein paar vom “Kompetenzteam” — ich meine Manuela…die immer als jung und unverbraucht bezeichnet wird. Tatsächlich, diese Kernkompetenz hat sie!

Wichtige Menschen, die ich auf einem der drei Projektionswände reden hören darf. Und grund genug, dass maskierte Scharfschützen ihre Gewehre auf die Menge richteten.

Der Politikerkopf wurde auf der Enternung also recht klein, da der Orchestergraben ein näheres Herantreten an die Bühne verbat. Im Orchestergraben saßen also Schröder und andere Special Guests, und natürlich auch die sicherlich überzeugten Schilderwinker der Jusos.

Ich war naiv anzunehmen, dass dort eine Bühne steht, und das schnöde Volk sich dort sammelt. Nein: Presseeingänge und Ehrengäste. Abstand zum Volk blieb also gewahrt. Zusätzlich standen an der Seite des Orchestergrabens also Übertragungswagen, die den Blick auf die Bühne beschränkten. Irgendwo fand ich meinen Platz dann in der Nähe eines solchen Eingangs, wo gerade ein Juso mit Flagge hinter einem Internetaktivisten stand.

Wie also zu 75% meiner Zeit begnügte ich mich mit dem Blick auf einen Bildschirm. Spannender war, was so drumherum geschah: Zwei Jusos im besten gebügelten Hemd versuchten den anscheinenden Piratenpartei-Anhänger zu verdrängen, da er wohl die Sicht auf eine Projektionswand versperrte. “Scheiss Spinner von der Piratenpartei!” fiel dann als sozialdemokratischer Kommentar.

Im Orchestergraben allerdings störte die SPD-Jubelschilder-Winkerei (u.a.”Mindestlohn für Ackermann!”) im gleichen Maße meinen unmöglichen Blick auf den Redner, wie der Web 2.0-Aktivist mit seinem Web 0.0-Schild.

Und die Inhalte? Interessant fand ich, wie Müntefering meinte, der boulevardeske Angriff auf die Privatuni-Studentin die heuchelnderweise gegen Studiengebühren sei, “bringe die ganze FDP-Denke auf den Tisch.” Leider finde ich den Artikel auf bildonline nicht mehr, den Münte als Quelle nannte. Doch finde ich  generell, dass man auch in der SPD “Champagnersozialist” sein darf. Oder sich aus einer Luxusposition für eine Politik einzusetzen, die nicht nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet ist.

Steinmeier sprach hinterher noch in einem Satz von einer “Generation Ellenbogen und Generation Bonus.” Gibt es da schon Bücher zu, nach “Generation Golf” und “Generation Doof”? Haben wir es da nicht mit einer Klasse zu tun, die sich zuviel bedient.

Bekannte Positionen also, die die SPD zuverlässig vertrat. Gerechtigkeitsthemen, die breiten Zuspruch finden (die Zustimmung für einen Mindestlohn lag bei ca. 70%). Allerdings sind dort zwei Stolpersteine, die nicht in Richtung SPD deuten: Warum ist Graf Guttenberg so beliebt? Warum SPD und nicht gleich die Linke wählen — die diese Positionen nach Hartz-IV glaubwürdiger vertreten?

Die FAZ titelt heute, “Rot-Rot und  Schwarz-Gelb gleichauf.” Links hat also wieder aufgeholt, wenn man die Landes- und Bundesebene unzulässigerweise verquickt. Dennoch betont Münte, auf Bundesebene seien “die Schotten dicht. Keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei.” Er merkt dann aber auch: “Da hat jetzt nur die Hälfte der Leute geklatscht. Dennoch…”

Die Bühne hatte das große Schild mit:”Unser Land kann mehr.” Und das ist vielleicht eine gute SPD-Botschaft, die Merkels passiver Haltung entgegentritt. Ich interpretiere das so, dass die SPD versucht, Wähler bei ihrer bequemen “Naja, die Merkel ist diplomatisch und hatte keine großen Fehler”-Haltung abzuholen.

Zum Schluss gab Steinmeier noch Autogramme beim meterhohen SPD-Würfel, der auch durch die Lande tourt. Die Würfel sind also noch nicht gefallen. OK, das war ein billiger Spruch.

August 31, 2009 at 9:09 pm Leave a comment

CouchsurfingStories#2: A tourist in the own city

On Monday, there were lots of guests in Hannover for the Coldplay concert. After a while of not-hosting (nobody asked me, indeed), I was happy to be the couchsurfing-host for two guests from Russia, St. Petersburg. My idea here is not to tell boring travelling stories like “have-you-been-here-and-there and I-have been-here-and-there and so on and so on and I have been to more countries to you and it is all soooo great and exotic.” No, this is boring, as I already wrote in my first couchsurfing story.

I think it is more interesting to tell you how couchsurfing changes the way you think.

So, on Monday, my guests from Russia, me and others were sitting in the Hannover-Künstlerhaus with some fruit juice. Two hours before Coldplay started to play, I and another person from the couchsurfing-Hannover-Community said goodbye to the guests, as we were not joining (Tickets 60-80 Euros!).

We helped to carry the sleeping bags of them, and as I was walking with a sleeping bag, an ice in the hand, lost in thoughts, it suddenly came to my mind: I feel like a tourist in my own city!

And this is cool, being a tourist in your own city.

It always happens to me, that I feel more conscious about the seemingly well-known-environment. People notice the facades of the houses, that are sometimes extremely beautiful in the area where I live. I first noticed them after a year living there.

Often, I become aware, that I should appreciate more the area I live: Guests notice how great it is to have a lake to swim and a big forest. Tourist go into a museum, inhabitants of a city only rarely. A year ago I went with a Canadian guest into the modern art Sprengel-Museum, and she told me about her modern art idea:

“I and a friend once wanted to make an art installation consisting of a transparent plastic-block were we vomited into.”

Disgusting idea, but could be modern art. If you have such stories, connected to all the modern art,  it really helps you to understand, how people might draft modern art ideas.

Couchsurfing also helps you to understand what Germany is, if you walk through these allotments (Kleingartenkolonien, Hannover has many!), where you think Snow White will soon show up between all the kitschy Gartenzwerge.

As I visited Oldenburg again, where I was born, I showed a Brazilian the Schlossgarten. Autumn, leaves were falling, ducks were swimming in a little lake. She spontaneously said: “It’s so Disney!” It seems that Disney had a huge impact on the global Europe-image, and there was also an exhibition in Munich about this («Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst»). The danger, off course, is that you affirm klischees. But, I think, the danger is the very much higher, if you travel with friends using a hostel and then visit all the mainstream attractions such as Maschsee or Rathaus.

If you want to change yout perspective in a more luxourious way, you can do what Svennov wrote on his Limmerstraßenblog:

Nach dem Einchecken bin ich zum Gast in meiner eigenen Stadt geworden, denn normalerweise wäre mir das Viertel um den Maschsee viel zu langweilig und das Maschseefest zu sehr verseucht mit unkultivierten und gleichzeitig langweiligen Menschen. Aber an diesem Tag war es genau das richtige, ein Kurzurlaub in einem anderen Stadtteil; ich beobachtete die Menschen wie ein Aussenstehender, sog alles in mich auf und fühlte mich ein bisschen wie auf einer Safari, die ohne Kamera auskommt.”

Join Couchsurfing.com if you also want to be a tourist in your own city. Or go into a hotel as Svennov did, but this is probably the more expensive option.

August 29, 2009 at 6:15 pm 1 comment

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I like to have the pressure to simply write something down for an abstract audience. Bristrouble.wordpress.com was another attempt of me to do this when I was in Bristol. See below.

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RSS London Leben – great monothematic Blog

  • The End
    Ueber vieles haette ich noch schreiben wollen: trams in South London z. B., Joseph Grimaldi Park, die time machine in Brompton vielleicht, Londons aelteste Bruecke, die molly houses … Aber es ist Zeit. Alles endet irgendwann mal. Das Land hat sich veraendert. Die Stadt hat sicher veraendert. Und nicht zum guten. Sie wollen uns nicht mehr. Wenn man dort nicht […]
  • Gallivanting
    Urlaub. Dann entscheiden, wie es weitergeht. Bis bald. Hoffentlich.

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