Posts tagged ‘Houellebecq’

Houellebecq, Hannover und Hakenkreuzbuch

“Ich hob ein kleines Loch im Sand aus, um die beiden Bücher darin zu vergraben; das Problem war jetzt nur, daß ich etwas zu lesen finden mußte. Leben ohne zu lesen ist gefährlich, weil man sich mit dem Leben begnügen muß, das kann dann dazu führen,  daß man Risiken eingeht”

(Michel in Platttform)

Mit schwerem, dem Vorabend geschuldeten, Kopf war ich eines Morgens/Mittags-wasauchimmer versucht, den geliehenen Houellebecq “Die Möglichkeit einer Insel” gewaltsam aus dem Bett in die Ecke zu schleudern, ebenso wie es Michel in Plattform mit einem Reiseführer tut, der ihm Prostitution in Thailand als unmoralisch vorführt. “Die Möglichkeit einer Insel” war mein dritter Roman, und nach 300 von 500 Seiten dieses Houellebecqs erkannte ich: Totaler Mist, nie mehr Houellebecq, zu pornografisch, immer das gleiche! Mein letzter Houellebecq 4ever!

Vor einer Woche geschah es dann hier in Hannover auf dem “migrationshintergrundsgeprägten” Engelsbosteler Damm, dass mir ein großes Hakenkreuz auf einem fleddrigen Buch ins Auge sticht. Das Buch war von 1923, altdeutsche Schrift.

Das Antiquariat (Name: Irgendwas mit “Internationale”?) war mir schon vorher aufgrund der kommunistischen Symbolik über ihrer Eingangstür aufgefallen. Und weil sie einen Kunstfolianten des Künstlerpaars Gilbert&George im Schaufenster hatten. Diese Künstler verwenden ihre Exkremente&andere Körpersäfte in ihren Bildern; in der Tate Modern vor zwei Jahren war mit der Eintritt dann doch selbst diese künstlerische Sensation den Eintritt nicht wert…

OK, back to Hannover: Hakenkreuzbuch, Kommunismussymbolik, Exkrementkunst-Foliant — also drei interessante Widersprüche, und guter Grund, das Antiquariat mal zu betreten. Es war wie in Walter Moers “Die Stadt der träumenden Bücher”: Die Bücherhaufen nahmen eine organische Struktur an, die Regale waren zwar kategorisiert, aber davor bildeteten sich Büchertürme, und man musste aufpassen, mit seiner minimal-Tasche die maximal Bücherhaufen die sich hier und da breit machten nicht umzustoßen. Hätte nur noch das Bücherphantom aus Moer’s Buch gefehlt, aber da war nur der Antiquariarist (heißt das so?) am Notebook und aus der Ecke mit den Kunstfolianten drangen französische Stimmen.

Und da sprang mir doch gleich ein Houellebecq ins Auge: Plattform. Sonderausgabe, Neu, 5 Euro, hübsches Hardcover “Einmalige Erfolgsaugabe anlässlich zu Die Möglichkeit einer Insel“. Ich warf meine Vorsätze über Bord, kaufte das Ding, denn ich warf mich schon beim Lesen der Plattheit des Klappentextes wieder weg:  “Michel und Valérie wollen die verlorene  Liebensfähigkeit des Westens in neuartigen Ferienclubs organisieren…”

Jetzt lese ich wieder Houellebecq und habe ihn nach einer Empfehlpause wieder zweimal empfohlen (Standardreaktion: Kannste mir sagen wie man dieses Houellebecq schreibt???).

Die Bücher, die im Eingangszitat verbudelt werden sind übrigens “Die Firma” und ein anderer amerikanischer Thriller. Bücher, die gemeinhin als nichtliterarisch und action/fiction bezeichnet werden. Billiger suspense, für die Leinwand geschrieben, Tom Cruise auf dem Leib geschrieben — sagt Michel treffend in Plattform. Aber Houellebecq, das ist pure Literatur, die schockiert und ein gesamtpornografisches Kunstwerk ist. Literatur, die trotz der pornografischen Elemente noch Form und Aussage hat — im Gegensatz zu Feuchtgebiete.

Ich gebe die Empfehlung also auch gerne auf diesem Blog weiter — ohne Scham, denn ich schäme mich eher für meine Dan Brown-Lektüre, denn für die mutige  Houellebecq-Lektüre. Masochismus schlägt Primitivität!

Bitte: Elementarteilchen lesen, nicht kucken (…trotz Moritz Bleibtreu). Feuchtgebiete im Sand verbuddeln, Plattform stattdessen ausgraben. Das Antiquariat in der Nähe der Christuskirche hat übrigens noch ein paar Houellebecqs, also hin da! Und grüßt mir Mechthild von Mythenmetz oder das Bücherphantom, wenn ihr sie da trifft…

Links:

Michel Houellebecq’s ungepflegter, veralteter Blog

Und der wenig versprechende “Die Möglichkeit einer Insel”-Trailer

August 22, 2009 at 1:57 am 1 comment


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